Die unbequeme Lücke zwischen Sichtbarkeit und Wirkung
Die halbe Branche verkauft gerade dasselbe Versprechen: Wir bringen Sie in die KI-Antworten. Sichtbarkeit in ChatGPT, in Perplexity, in den Google-Übersichten. Was dabei selten dazugesagt wird: Diese Sichtbarkeit bringt fast keinen Traffic auf Ihre Seite.
Genannt zu werden und besucht zu werden sind zwei völlig verschiedene Dinge geworden.
Das Pew Research Center hat im Sommer 2025 fast 69.000 echte Google-Suchen ausgewertet. Das Ergebnis ist nüchtern: Taucht eine KI-Zusammenfassung auf, sinkt die Klickrate auf die Ergebnisse von 15 auf 8 Prozent, fast eine Halbierung. Auf einen Link in der Zusammenfassung selbst klickt nur einer von hundert. Und mehr als jeder Vierte beendet die Suche danach ganz, ohne irgendwo hinzugehen.
Es ist kein Einzelbefund, es ist die Richtung
Eine einzelne Studie könnte man wegdiskutieren. Das Muster aus mehreren unabhängigen Quellen lässt sich nicht wegdiskutieren. Die Klicks ins offene Netz schrumpfen, und die Entwicklung beschleunigt sich, statt abzuflauen.
- Knapp 60 Prozent aller US-Google-Suchen endeten schon 2024 ohne einen Klick ins offene Netz. Inzwischen leitet Google weniger als 40 Prozent der US-Suchsitzungen auf externe Seiten weiter. (SparkToro/Datos)
- Ein wachsender Anteil der Suchen zeigt eine KI-Übersicht: In der Pew-Auswertung von Mitte 2025 war es knapp jede fünfte, SISTRIX maß Anfang 2026 je nach Markt rund ein Fünftel bis ein Viertel. Die Abdeckung wächst in Monaten, nicht Jahren.
- Nur ein Bruchteil eines Prozents des gesamten Web-Traffics kommt von allen KI-Diensten zusammen, laut SE Ranking rund 0,15 Prozent. Die klassische Suche bleibt mit großem Abstand die wichtigste Quelle.
Wer also seine Strategie darauf aufbaut, dass KI-Zitate die Besucher zurückbringen, baut auf Sand. Die Klicks wandern nicht von Google zu ChatGPT. Sie verschwinden.
Die Leute, die das messen, sagen es deutlich
Es sind nicht die Schwarzmaler, die hier warnen, sondern die Analysten, die seit Jahren die Suchdaten auswerten. Rand Fishkin, Gründer von SparkToro, bringt es auf einen Satz, den man sich über den Schreibtisch hängen sollte:
“Traffic ist eine Eitelkeitskennzahl. Ihn zu steigern hilft Ihrem Geschäft wahrscheinlich weniger als viele andere Dinge, die Sie im Marketing tun könnten.”
Rand Fishkin, SparkToro, Juni 2025 (aus dem Englischen)
Fishkin leitet daraus eine neue Aufgabe ab, die er bei der SEO Week 2025 auf den Punkt brachte: nicht das Ranking zu steigern, sondern Verhalten zu verändern.
Lily Ray, die bei der Agentur Amsive die KI-Suche beobachtet, widerspricht dem Abgesang trotzdem an einer wichtigen Stelle. Sie hält fest, dass die KI-Antworten das Klicken nicht zufällig reduzieren, sondern von Bauart wegen:
“Weil KI-Oberflächen dialogorientiert sind und auf sofortige Antworten ausgelegt sind, beantworten sie Anfragen direkt in der Benutzeroberfläche. Das verringert zwangsläufig den Klick-Traffic, der den SEO-Erfolg historisch mitdefiniert hat.”
Lily Ray, Amsive, Januar 2026 (aus dem Englischen)
Und Ryan Law von Ahrefs nimmt sich Googles Beschwichtigung vor, KI-Übersichten würden den Seiten ja sogar nützen:
“KI-Übersichten senken die Klicks um 34,5 Prozent. Google sagt, in einer KI-Übersicht vertreten zu sein führe zu höheren Klickraten als ein klassischer erster Platz. Die Logik widerspricht, und jetzt auch unsere Daten.”
Ryan Law, Ahrefs, September 2025 (aus dem Englischen)
Heißt das, KI-Sichtbarkeit ist sinnlos? Nein.
Es wäre billig, jetzt das Gegenteil des Hypes zu verkaufen und KI-Sichtbarkeit für wertlos zu erklären. Das stimmt nämlich auch nicht. Es gibt gute Gründe, in den Antworten vorzukommen, sie haben nur wenig mit Klicks zu tun.
- Die wenigen Klicks sind oft die besseren. Wer aus einer KI-Antwort kommt, ist häufig schon weiter in seiner Entscheidung. Die Besucher werden seltener und ernsthafter zugleich.
- Genannt werden prägt. Auch wer nicht klickt, liest Ihren Namen als die Quelle, auf die sich die Antwort stützt. Dieser Eindruck zahlt auf spätere Suchen direkt nach Ihrem Unternehmen ein, und die führen sehr wohl zu Besuchern.
- Die klassische Suche lebt noch. Der allergrößte Teil der Google-Klicks geht weiterhin an gewöhnliche Treffer, nicht an die KI-Übersicht. Wer dort verschwindet, weil er nur noch auf KI schielt, verliert mehr, als er gewinnt.
Womit Sie KI-Sichtbarkeit sinnvoll messen
Solange Sie KI-Sichtbarkeit am zusätzlichen Traffic messen, werden Sie enttäuscht. Der Traffic kommt kaum, das liegt im System, nicht an Ihrer Seite. Wer KI-Sichtbarkeit ernsthaft betreibt, schaut deshalb auf andere Zahlen.
Wie oft taucht Ihr Unternehmen in den Antworten zu den Fragen auf, die für Ihr Geschäft zählen, und wie oft der Mitbewerb? Steigen die Suchen direkt nach Ihrem Namen? Das sind die Kennzahlen, die etwas aussagen. Und sie verschieben sich schnell: Eine KI-Übersicht, die heute Ihren Mitbewerber nennt, kann nächste Woche Sie nennen, ohne dass jemand etwas verändert hätte. Deshalb ist KI-Sichtbarkeit nichts, was man einmal herstellt und dann liegen lässt, sondern etwas, das man beobachtet und nachzieht.
Bevor Sie in KI-Sichtbarkeit investieren, sollten Sie wissen, wo Sie stehen
Eine ehrliche Standortbestimmung zeigt Ihnen, ob und wie die KI-Dienste Ihr Unternehmen heute nennen und an welcher Stelle sich am ehesten etwas bewegt. Kein Versprechen auf Besucherströme, die ohnehin nicht kommen. Ein klarer Blick darauf, was sich lohnt und was nicht.
Häufige Fragen
Bringt es überhaupt etwas, in KI-Antworten zitiert zu werden?
Ja, aber kaum als Besucherquelle. Nur etwa ein Prozent der Suchen mit KI-Übersicht führt zu einem Klick auf eine genannte Quelle. Der Wert liegt woanders: Ihr Name erscheint als verlässliche Quelle, das prägt den Eindruck und zahlt auf spätere Suchen direkt nach Ihrem Unternehmen ein.
Warum sinkt mein Traffic, obwohl meine Rankings stabil sind?
Weil sich die KI-Übersicht vor Ihr Ergebnis schiebt und die Frage gleich beantwortet. Die Pew-Auswertung zeigt, dass die Klickrate bei einer eingeblendeten KI-Zusammenfassung von 15 auf 8 Prozent fällt. Sie stehen also weiterhin gut da, nur klickt kaum noch jemand, weil die Antwort schon oben steht.
Wandern die Klicks von Google zu ChatGPT?
Nein. Alle KI-Dienste zusammen liefern nur einen Bruchteil eines Prozents des gesamten Web-Traffics, laut SE Ranking rund 0,15 Prozent, die klassische Suche bleibt mit großem Abstand führend. Die Klicks wechseln nicht den Anbieter, sie entfallen. Wer auf eine Verlagerung wartet, plant an der Realität vorbei.
Konvertiert KI-Traffic wenigstens besser?
Tendenziell ja. Besucher aus KI-Antworten sind oft schon weiter in ihrer Entscheidung und handeln eher. Das ändert aber nichts am Grundproblem: Die Menge ist so klein, dass die bessere Güte den fehlenden Umfang nicht aufwiegt.
Welche Kennzahl sollte ich statt Traffic beobachten?
Wie häufig Ihr Unternehmen in den KI-Antworten zu Ihren wichtigen Fragen genannt wird, wie Sie dabei gegen den Mitbewerb dastehen und ob die Suchen direkt nach Ihrem Namen zunehmen. Diese Werte sagen mehr über Ihre KI-Sichtbarkeit aus als jede Besucherzahl.
Lohnt sich GEO dann überhaupt noch?
Es lohnt sich, wenn Sie es mit den richtigen Erwartungen angehen. Nicht als Besuchermaschine, sondern als Aufbau von Autorität an dem Ort, an dem immer mehr Kaufentscheidungen vorbereitet werden. Wer es als schnellen Traffic-Trick verkauft bekommt, sollte misstrauisch werden.